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Granegger Klaus Psychotherapeut
Waxenegg mit Blick zur Rax und zum Schneeberg am  22.1.2017

Da ich nicht zuletzt selbst mit großer Begeisterung an mir bemerke, welch geistiges und seelisches Wohlbefinden Bewegung in den Bergen bei  mir auslößt, kam der Artikel in der Alpenvereinzeitung Bergauf vom April 2016  von meinem geschätzten Kollegen Dr. Peter Stippl wie gerufen…

 

Lehrmeister und Heiler

Bergsport fördert die psychische Gesundheit

Bewegung ist gesund und unser Körper reagiert darauf mit Wohlbefinden. Sonne und Licht lindern Depressionen und die meditative Haltung bei langen Wanderungen beruhigt den Geist.

Ein Artikel von Dr. Peter Stippl: (Alpenvereinszeitung)

Am Beginn meiner Ausführungen möchte ich umreißen, was ich unter ‚Bergsport‘ in diesem Beitrag verstehe: Wandern, Hochgebirgstouren (inkl. leichte Gletschertouren), versicherte Steige, leichte gut gesicherte Kletterrouten, ebenso Skitouren – sicheren Genuss-Sport, ohne Leistungsdruck und Rekordehrgeiz. Bergsport in diesem Rahmen ist zur Erhaltung der seelischen Gesundheit ebenso hilfreich, wie er als begleitendes Therapeutikum zur Heilung psychisch Erkrankter hoch wirksam ist. Psychischen Erkrankungen finden zurzeit viel Beachtung, da ihr Anstieg in den vergangenen zwei Jahrzehnten signifikant hoch ist. Ernstzunehmende  Problematik Laut Sozialversicherungsstudien werden jährlich 11 % (900.000) Österreicher wegen psychischer Krankheit behandelt (840.000 mit Psychopharmaka, 65 % davon Antidepressiva). Psychische Erkrankungen sind für 10 % aller Krankenstandstage verantwortlich und sie weisen mit 40 Tagen die längste durchschnittliche Krankheitsdauer auf. Fast drei Viertel des Rehabilitationsgeldes und Frühpensionen gehen lt. PVA auf psychische Erkrankungen zurück.

Das WIFO beziffert den dadurch jährlich entstehenden gesamtwirtschaftlichen Schaden in Österreich mit 5,6 Milliarden Euro!

Wir reden also über eine ernstzunehmende Problematik. Die Häufigsten psychischen Krankheiten sind: Burn-out als Umschreibung einer Überlastungs-Depression, mehr als 20 % der Bevölkerung leiden jährlich an dem Gefühl, ausgebrannt und überfordert zu sein. Unter Angststörungen leiden 14 % der Bevölkerung und Depressionen betreffen 7 %! Die fehlende Erholung durch Schlafstörungen kann zu Verschlechterung oder
zum Neuauftreten von psychischen Krankheiten führen.
Totales Aufgehen  im Tun
Wodurch hilft Bergsport bei der Gesunderhaltung, reduziert die Gefahr des Auftretens psychischer Erkrankungen und unterstützt ihre Heilung? Bei einem Körper/Seele/Geist Menschenbild, beeinflussen alle drei Teile die Befindlichkeit einer Person. Gesunde Bewegung ist für den Körper gut und er reagiert darauf mit Verbesserung des Wohlbefindens. Intensives Licht ist ein bewährtes Mittel gegen Depressionen, die Therapie durch Bestrahlung aus sehr hellen Lampen wird erfolgreich eingesetzt. Ohne Ansteckungsgefahr durch andere Patienten im Wartezimmer, setzt sich der Bergsportler immer wieder intensiver Lichtbestrahlung aus, die mögliche Depressionen lindert und die Regeneration durch guten Schlaf verbessert. Die meditative Haltung beim Gehen längerer Strecken, bringt den Geist zur Ruhe. Etwas ganz Besonderes ist das Erleben von ‚Flow‘. Darunter ist ein totales Aufgehen in dem was man
gerade tut, ohne Zeitgefühl, Kontrollgedanken, Ängsten und rationellen Überlegungen, gemeint. Es eröffnet dem seelisch Verletzten ganz neue Emotionale Realitäten. Das können tiefgreifende Erfahrungen sein, wie man sie aus der Literatur der Mystiker kennt. Oftmals führt das zu einer Neuorganisation des Lebens, eröffnet neue Perspektiven und Bewertungen und hilft, sich von alten, krankmachenden Mustern und Verhalten zu lösen.
Teamfähigkeit  entwickeln
Bei mehrtägigen Touren wird eine einfache, an den Tageszeiten und Ruhepausen orientierte Tagesstruktur gefördert. Der Mensch ist ein ‚Augenwesen‘. Der Blick in die Weite beruhigt Gedankenkreisen und bringt innere Ruhe. Die Schönheit der Natur lässt oftmals lange vermisste freudige Gefühle entstehen. Einfache, aber bedeutungsvolle Regeln des Lebens werden unmittelbar und kompromisslos erlebbar. Ich meine damit z. B. die Bedeutung von Training und Vorbereitung für die erfolgreiche Erreichung der gesteckten Ziele, sowie die Frustrationstoleranz,
falls für ein ambitiöses Ziel, auch mehrere Anläufe benötigt werden. Gefordert werden auch das richtige Einschätzen von Situationen, der eigener Leistungsfähigkeit und der Schwierigkeit der angestrebten Tour. Man entwickelt Teamfähigkeit und Einordnen in Gruppen, da viele Touren nicht alleine sicher machbar sind und gerade der Einsteiger, die Gruppe, den erfahrenen Führer einer Tour, mit seiner vernünftigen Autorität, besonders in Risikosituationen, braucht. Auch die Unterschiede bei den TeilnehmerInnen einer Bergsteigergruppe, Männer und Frauen, Jüngere und Ältere, mehr oder weniger Erfahrene aus unterschiedlichsten Berufen und Lebenssituationen kommende, bieten Entwicklungshilfen für alle Persönlichkeiten.
Ein  Abenteuerpädagogikum
Gerade im Bergsport bestimmt nicht der soziale Rang einer Person ihren Platz in der Gruppe, sondern sein Verhalten im Hier und Jetzt. Dabei ist besonders die Mehrtagestour ein Entwicklungsraum mit realen Aufgaben und Herausforderungen, aber auch Gefahren, die es zu bewältigen gibt. Der Preis für Mühen, die Zielerreichung, belohnt ganz unmittelbar und direkt. Im Alltag erleben psychisch Belastete selten oder nie, etwas gemeistert zu haben, Ängste zu bewältigen, Anerkennung und einen Beitrag für den Erfolg der Gruppe geleistet zu haben. Im Bergsport kann Selbstwert, Selbstvertrauen, ein positives Körpergefühl und das Erleben, geschätzter Teil einer Gemeinschaft zu sein, real gespürt und erlebt werden. Das ist etwas sehr heilsames für jeden, der das lange vermissen musste, oder gar nicht kennt. Natürlich ist das für junge Menschen ein ‚Abenteuerpädagogikum‘ mit besonderer Tiefe und Breite, aber ebenso für den älteren Menschen eine wertvolle Erfahrung. Auch, dass man diese Aktivität selbst organisieren kann, nicht auf ‚Bewilligungen und Anträge‘ sowie Sozialleistungen angewiesen ist, verhilft oft nach längeren Phasen von Fremdbestimmtheit, Autonomie zurück zu gewinnen. Das Glücksempfinden und die Zufriedenheit, nach einer schönen, gelungenen Bergfahrt, ist ein Heilungsimpuls, der die entscheidende Wende in der Entwicklung eines Menschen geben kann.

Die bisherigen Versuche der Rehabilitation haben gezeigt, dass
die Behandlung psychischer Störungen deutlich früher einsetzen müsste, um erfolgreich zu sein. Daher kommt der Lebensführung zur Erhaltung der seelischen Gesundheit und der Entwicklung der für die Lebensbewältigung so wichtigen Resilienz (Widerstandsfähigkeit gegen Belastungen des Lebens), eine besondere Bedeutung zu. Der Bergsport ist eine schöne, gesunde und wertvolle Form, diese Ziele zu erreichen. Ich bin mit meinen Vater schon in der Kindheit in die Berge gekommen, später durch die Jungmannschaft beim Alpenverein Wien, dem ich viel verdanke und auch durch den ÖBRD in dem ich mit meinem Vater gemeinsam Dienst machen durfte.
Die Berge wurden mir wichtiger und wertvoller Teil meines Lebens, Kraftquelle und Regenerations-Raum. Der Bergsport war und ist mir Lehrmeister und Heiler, auch im älter werden.

Dr. Peter Stippl, Jahrgang 1952 ist seit 1964 Mitglied der ÖAV Sektion Wien; nach langjähriger Tätigkeit in der Wirtschaft (Unternehmensberatend) Promotion in Psychotherapiewissenschaft und Psychotherapeut in freier Praxis im Burgenland. Peter Stippl ist Präsident des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie (ÖBVP).


Standardinterview mit Christine Tragler  26. Jänner 2017, 12:00

 „Es geht um Klassenzugehörigkeit“

Männlichkeit wird im Kontext von Migration oft als Grund für Probleme gedeutet

STANDARD: Die Ursachen für die Probleme von und mit jugendlichen Migranten werden oft in ihrem kulturellen Background gesucht. Werden damit soziale Probleme zugedeckt und kulturalisiert?

Susanne Spindler: Indem wir bestimmte Probleme immer auf die Kultur und eine bestimmte Vorstellung von „der“ türkischen, arabischen, muslimischen Familie verlagern, nehmen wir uns die Möglichkeit, an den Schrauben unserer Gesellschaft zu drehen. Wir müssen die Probleme wieder in einen gesellschaftlichen Rahmen zurückholen und nicht alles einer vermeintlichen Problematik von Kultur, Religion und Herkunft zuweisen.

STANDARD: Worum geht es stattdessen?

Spindler: Tatsächlich geht es um politische Teilhabe, um den Zugang zu Bildung, zum Wohnungs- und Arbeitsmarkt. Und ganz stark geht es um die Frage von Klassenzugehörigkeit – aber darüber sprechen wir nur noch ganz wenig. Differenzen werden häufig als Belastung problematisiert, wenn es die anderen sind, oder als Diversität gepriesen, wenn es auf das Eigene bezogen ist. Stattdessen sollten wir lernen, mit Unterschieden, die gesellschaftlich vorhanden sind, umzugehen – ohne das einzelne Subjekt als patriarchal und per se problematisch zu definieren.

STANDARD: Was kann die Erfahrung von Diskriminierung und Exklusion bewirken?

Spindler: Die Erfahrung, immer als „rassifiziertes Subjekt“ wahrgenommen und einer Gruppe zugeordnet zu werden, ist eine, die prägt – ob man will oder nicht. Da wird eine Gruppenzugehörigkeit vorausgesetzt, die ganz stark auf die Bilder abzielt, die man zu Ländern oder Kulturen im Kopf hat. Wenn ein Mensch mit dunkler Hautfarbe ständig die Frage gestellt bekommt, woher er denn komme, ist die zugrunde liegende Annahme, er gehöre eigentlich nicht zur Gesellschaft. Diese Ethnisierungsprozesse sind meist mit eingeschränkten Teilhabemöglichkeiten verschränkt. Etwa aufgrund von Klassenzugehörigkeit oder weil man aus einem bestimmten Stadtteil kommt.

STANDARD: Was bedeutet diese Prägung für die Konstruktion von Männlichkeit?

Spindler: Männlichkeit ist nach wie vor gesellschaftlich relevant: Wir verbinden das mit Tätigsein, mit Erwerbsarbeit, mit der Fähigkeit, eine Familie zu ernähren. Wenn der Zugang zu gesellschaftlich anerkannten Positionierungen verwehrt bleibt, können Männer in einer Art Gegenwehr reagieren, indem sie beispielsweise versuchen, mit übersteigerten Formen von Männlichkeit eine Positionierung zu erlangen. Das ist häufig mit Gewalt verbunden. Männlichkeit erscheint ihnen dann als letzte verbleibende Ressource – und Gewalt als ein Mittel, diese herzustellen.

STANDARD: Stichwort Männlichkeit. Sexismus zu benennen, ohne rassistisch zu sein, erscheint derzeit schwierig. Warum?

Spindler: Die Politikwissenschafterin Nikita Dhawan hat einmal die Frage gestellt, ob es bei einer historisch hartnäckigen Positionierung „der Anderen“ überhaupt möglich sei, über die Gewalt innerhalb einer rassifizierten Gruppe zu sprechen – ohne zu verschweigen oder zu ethnisieren. Es gibt Ansätze dazu. Ein Beispiel ist die Kampagne #ausnahmslos (ein Zusammenschluss von Feministinnen, die sich nach Köln gegen Rassismus und sexualisierte Gewalt einsetzen, Anm.). Hier wurde mit einer feministisch-antirassistischen Lesart versucht, an die Thematik heranzugehen.

STANDARD: In der Debatte nach Köln war es den Aktivistinnen von #ausnahmslos auch wichtig, auf das Vorhandensein patriarchaler Strukturen in der Mehrheitsgesellschaft hinzuweisen.

Spindler: Die Konzentration auf „die Anderen“ verdeckt, dass innerhalb unserer Gesellschaft Ungleichheitsstrukturen herrschen – auch zwischen den Geschlechtern herrschen. Generell werden Machtverhältnisse ausgeblendet: Die Mächtigen der Welt sind überwiegend weiße Männer. Die strukturellen Gewaltverhältnisse, in denen die einen ausgebeutet und die anderen immer reicher werden, beruhen auf Macht durch Männlichkeit. Das müsste uns eigentlich vielmehr beunruhigen. Um davon abzulenken, spricht man von Männlichkeit immer nur dann, wenn es um Marginalisierte, Arme und Migranten geht. Das sieht man auch in der Debatte nach Köln.

STANDARD: Kam es zu einer Ethnisierung der Geschlechterdebatte?

Spindler: Es gibt eine extreme Fokussierung auf die Debatte um das Geschlechterverständnis muslimisch-migrantischer Männer. Sicher prägt die jeweilige Sozialisation. Wenn man in einem Land unter Kriegsbedingungen aufgewachsen ist oder in einer Gesellschaft, in der Frauen nicht zur Schule gehen dürfen, erzeugt das andere Geschlechterbilder als in einer Gesellschaft, in der das nicht der Fall ist. Hier soll kein Sprechverbot aufgebaut werden. Der Diskurs über die Männlichkeit „der Anderen“ ist aber nichts Neues, sondern lässt sich bis in den Kolonialismus zurückverfolgen. Die Männlichkeit „der Anderen“ wurde damals schon als Grundlage genutzt, um Ausbeutung und Ungleichheit zu rechtfertigen. Man muss sich fragen, ob diese Debatte heute im Kontext von Flucht nicht wieder dazu dient, Exklusionen zu legitimieren. Im Asylsystem repräsentiert sich dieser Ausschluss. Was aber passiert mit Männern und auch Frauen, wenn es so gut wie keine Möglichkeiten der Teilhabe gibt?

STANDARD: Und die Rolle der Medien dabei?

Spindler: Im medialen Diskurs hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Es gibt Versuche, differenzierter mit der Debatte umzugehen. Verhaltenskodexe sollen festlegen, wann man den Migrationshintergrund in der Berichterstattung nennen soll oder nicht. Der Beitrag der Medien in der (Re-)Produktion stereotyper Bilder ist nach wie vor groß. Hinzu kommt die deutlich sichtbare Macht digitaler Medien: Dadurch dass im Internet jeder seine Meinung zu allem kundtun kann, werden vereinfachte Erklärungsmuster enorm verbreitet und immer weiter reproduziert. Rechtspopulistische Bewegungen können das als Strategie nutzen und dadurch Auftrieb bekommen. (Christine Tragler, 26.1.2017)

Susanne Spindler ist Professorin im Fachbereich Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt. Sie lehrt und forscht zu den Themen Migration, Rassismus und Männlichkeiten in der Einwanderungsgesellschaft. Im Rahmen der Wiener Tagung „Migration und Männlichkeiten hielt“ sie die Keynote.

Info

Nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht 2015 in Köln stehen männliche Migranten und Geflüchtete vermehrt im Fokus gesellschaftlicher Debatten. Teile von Politik und Medien stellen ihre als „anders“ bezeichnete Männlichkeit als verursachendes Prinzip für Probleme dar. Mit diesem Problemfokus setzte sich vergangene Woche eine Konferenz an der Uni Wien auseinander. Bei der international besetzten Jahrestagung der Sektion Feministische Theorie und Geschlechterforschung ging es um eine Bandbreite an Fragestellungen, unter anderem um mediale Repräsentation „fremder“ Männlichkeit, um vergeschlechtlichte Rassismen, Migrationsdis- kurse deutscher Medien, aber auch um Männlichkeitskonstruktionen im österreichischen Hip-Hop. (red)


Studie: Kiffen kann Schizophrenie auslösen

24. Jänner 2017, 10:20

Forscher fanden heraus, dass Cannabiskonsum das Schizophrenierisiko um 37 Prozent erhöht

Lausanne – Epidemiologische Daten aus über 40 Jahren haben Hinweise geliefert, dass ein Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und dem Schizophrenierisiko besteht. Bisher konnte jedoch keine Studie nachweisen, dass Kiffen auch direkt für das Auftreten der Krankheit verantwortlich sein kann.

Das ist nun mit einer neuen Untersuchung gelungen, an der das Universitätsspital Lausanne (CHUV) beteiligt war. Die Studie basiert auf einer Methode, die als „Mendelsche Randomisierung“ bezeichnet wird. Damit lässt sich der Einfluss eines Risikofaktors – wie etwa Cannabiskonsum – auf das Auftreten von Krankheiten – in diesem Fall Schizophrenie – untersuchen.

Mit dieser Methode lassen sich falsche Rückschlüsse vermeiden, zum Beispiel, dass die Wirkung fälschlicherweise für die Ursache gehalten wird – etwa, dass ein erhöhtes Schizophrenierisiko der Grund für stärkeren Cannabiskonsum sein könnte. Der Trick besteht darin, genetische Marker zu verwenden, die statistisch mit dem Risikofaktor (Cannabiskonsum) in starkem Zusammenhang stehen.

Genetische Marker

Genetische Marker sind angeboren und zufällig in der Bevölkerung verteilt sind. Sie seien zudem nicht durch Umweltfaktoren beeinflusst, wie beispielsweise das familiäre Umfeld oder die sozio-ökonomische Situation, erklärt Studienerstautor Julien Vaucher vom CHUV.

Die Wissenschafter stützten sich auf Daten aus einer Publikation von 2016, die einen Zusammenhang zwischen bestimmten Genvarianten und dem Cannabiskonsum bei 32.000 Studienteilnehmenden nachgewiesen hat. Die gleichen genetischen Marker wurden anschließend in einem separaten Datensatz gesucht, der Erbinformationen von 34.000 Patienten und 45.000 Gesunden umfasste.

Durch Kombination dieser Informationen aus zwei separaten Quellen kamen die Forschenden zum Schluss, dass Cannabiskonsum mit einem um 37 Prozent erhöhten Schizophrenierisiko einhergeht. Ähnliche Zahlen hatten auch frühere Beobachtungsstudien ergeben. Darüber hinaus wird der Zusammenhang auch nicht von anderen Faktoren beeinflusst, zum Beispiel Tabakkonsum.

Cannabis am weitesten verbreitete illegale Droge

„Diese robusten Resultate ergänzen die zahlreichen Studien auf diesem Gebiet und zeigen, dass die Verbindung zwischen Cannabiskonsum und einem erhöhten Schizophrenierisiko eine ursächliche ist“, betont Vaucher. Sie seien zudem wichtig für die öffentliche Gesundheit, um über die Risiken des Kiffens zu informieren.

Gerade weil diese Substanz eine Welle der Liberalisierung erlebt und zunehmend auch für therapeutische Zwecke verwendet wird, brauche es ein genaues Verständnis der Wirkmechanismen. Weitere Studien könnten beispielsweise ermöglichen, Warnhinweise für Gruppen mit hohem Risiko für Schizophrenie oder andere Störungen zu formulieren, so der Lausanner Experte.

Die in der Studie verwendete Methode erlaubte allerdings nicht, das Risiko in Abhängigkeit von der konsumierten Menge, der Cannabis-Art, der Form der Verabreichung oder dem Alter der Konsumenten zu bestimmen, wie der Forscher betont.

Cannabis ist die am weitesten verbreitete illegale Droge mit schätzungsweise 182 Millionen Konsumenten im Jahr 2013. Andere Studien hatten bereits eine Beeinträchtigung der Signalübertragung im Nervensystem nachgewiesen, die mit der Entstehung psychotischer Störungen in Verbindung stehen. Darüber hinaus konnte ein Einfluss auf die Reifung der Hirnrinde bei Jugendlichen beobachtet werden. (APA, sda, 24.1.2017)

Originalstudie:

Cannabis use and risk of schizophrenia: a Mendelian randomization study


Tiefe Liebe – Interview mit der Regisseurin Nicole Swidler

Verliebt sein ist etwas Wunderschönes, noch schöner jedoch ist die Erfahrung einer tiefen, bedingungslosen Liebe, die auch noch nach Jahren des Alltags weiterbesteht. In ihrem neuen Film „Mehr als Liebe“ geht die Filmemacherin Nicole Swidler gemeinsam mit den renommierten Paarspezialisten Eva-Maria und Wolfram Zurhorst, Veit und Andrea Lindau, Arjuna und Chameli Ardagh sowie Krishnananda und Amana Trobe der Frage nach, wie man diese intensive Liebe schaffen und pflegen kann. Wir sprachen mit der Filmemacherin über ihre Erfahrungen mit der Liebe…

Interview geführt von Ronja Merkel

 

Frau Swidler, was hat Sie dazu inspiriert, einen Film über die tiefere Liebe zu machen?

Ich beobachte viel und gern, was Menschen beschäftigt und mir fiel auf, dass es vielen Paaren, vor allem Langzeitpaaren, ab einem bestimmten Punkt ähnlich geht: Sie lieben sich, alles ist im Kern gut oder zumindest nicht schlecht. Und dennoch sehnen sie sich tief im Inneren nach mehr, nach einer Möglichkeit, zusammen weiter und sich näher zu kommen.

Wie funktioniert das, sich näher zu kommen, wenn man schon so lange zusammen ist und sich eigentlich gut kennt?

Darauf gibt es auf dem Ratgebermarkt tatsächlich kaum Antworten. Man kann Seminare besuchen, aber wer traut sich das schon? Nach meiner Erfahrung sind vor allem die meisten Ratgeber oder Kurse zu problem- und krisenorientiert. Was ich bei meinen Recherchen stets vermisst habe, war das Konstruktive, die Lust, etwas zu verändern, Neues zu erobern. Ich wollte deshalb Paaren Ideen an die Hand geben und eine Art alltagstauglichen „Wegweiser“ schaffen, den man sich daheim in intimer Atmosphäre gemeinsam anschauen kann. Auch deshalb habe ich mich bewusst für den Film als Medium entschieden: Ein Buch empfindet man zu zweit meist als weniger unterhaltsam. Wir wollten im wahrsten Sinne des Wortes anschaulich sein; mit möglichst praktischen, nachvollziehbaren Übungen und Ideen, die sich gemeinsam ausprobieren lassen. Daraus wurde dann „Mehr als Liebe“.

Welche Erfahrungen haben Sie und Ihr Mann bei der gemeinsamen Arbeit an diesem Film sammeln können?

Darüber könnte ich stundenlang schwärmen! Mein Mann und ich profitieren täglich in unserer Beziehung von all den Erkenntnissen. Wir haben den Film als Team gemacht: Er hinter der Kamera und im Schnitt, ich unter anderem beim Entwerfen des Konzeptes und Führen der Interviews. Diese Zusammenarbeit hat uns gerade auch an kritischen Punkten, an denen wir selbst nicht weiterwussten, sehr geholfen. Ab und zu schmeißen wir uns nur grinsend Zitate aus dem Film zu. Unser Liebling ist Arjuna Ardaghs Tipp „just like me“. Wenn man sich dabei erwischt, den Partner zu be- oder verurteilen, sagt man einfach zu sich selbst „so wie ich“, um die Abgrenzung aufzuheben. Ärgert man sich zum Beispiel über die Unordnung des Partners fügt man dem „er ist so unordentlich“ ein „so wie ich“ hinzu – so lernt man bei sich zu bleiben, statt auf den anderen zu projizieren. Das funktioniert Übrigens auch in die andere, positive Richtung: „Sie ist so witzig, so wie ich“.